Immer wieder hört und sieht man Beiträge zum Thema Pflegenotstand. Dennoch scheinen Alt werden und Tod Tabu-Themen unserer Gesellschaft zu sein. Ich möchte dieses Tabu mit meinem heutigen Beitrag brechen und euch berichten, warum ich so schockiert von unserer Gesellschaft in Punkto Pflege, Umgang mit anderen Menschen und Tod bin. 

3,9 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Belief sich die Zahl der über 80-jährigen laut der folgenden Statista Grafik 2020 noch auf 5,9 Millionen Menschen, steigt diese Zahl bis 2050 laut der Prognose des Statistischen Bundesamtes auf ein Rekordhoch von 9,9 Millionen. Laut des Deutschen Pflegerats werden bis 2030 etwa 300.000 Pflegekräfte fehlen. 200.000 davon alleine in der Altenpflege.

Bereits heute leisten Pfleger_innen zahlreiche Überstunden und haben im Laufe ihrer Schicht kaum eine Chance auf eine Pause. Fallen Pflegekräfte aus, gibt es selten Ersatz.

Obwohl der Pflegenotstand uns alle betrifft, brachte erst der ARD Auftritt des damals 23-jährigen Alexander Jorde in 2017 den Pflegenotstand über Nacht auf die politische Agenda. Er war und ist bis heute mittendrin und erlebt den Pflegenotstand live und in Farbe. Angefangen bei Todesfällen durch fehlende Fachkräfte auf den Intensivstationen der Krankenhäuser bis hin zum gravierenden Mangel von Fachkräften in der Altenpflege. Sein Auftritt machte nicht nur Angela Merkel sprachlos.

Meine persönliche Erfahrung mit dem Pflegenotstand

Er hat absolut recht! Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern schon mindestens zehn NACH zwölf! Sieben Jahre lang war ich die Betreuerin meiner Oma. Wie gravierend die Auswirkungen des Pflegenotstands bereits heute sind, habe ich beginnend in 2012 bis zum Tod meiner Oma im Sommer 2019 selbst miterlebt. 

2012 musste ich die bis dato schwerste Entscheidung meines Lebens treffen, indem ich einen Heimvertrag für meine Oma unterzeichnete. Seitdem habe ich sie durch sämtliche, gesundheitliche Höhen und Tiefen begleitet. Sie war eine Kämpferin! Bis zu ihrem Tod im August 2019 war ich froh, dass ich sie in DEM Heim unterbringen konnte (ich hatte im Vorfeld einige weitere Pflegeheime angeschaut und mich bewusst dagegen entschieden). Seit ihrem Tod bin ich jedoch schockiert und zwar nicht nur von ihren letzten Tagen im Pflegeheim, sondern auch vom gesamten System unseres Landes und seinem Umgang mit älteren Menschen, die ihr Leben lang für dieses gearbeitet haben. Sei es als fleißiger Mittelstand, Selbstständige_r oder auch als leidenschaftliche Mutter, die nebenher als Haushälterin tätig war.

Genau das war meine Oma. Sie hatte einige Jahre als Haushälterin für eine hilfsbedürftige Mutter gearbeitet und ihre Kinder mit groß gezogen. Obwohl sie indessen nicht schlecht verdiente, hätte es im Alter ohne ihre Unfallrente weder hinten, noch vorne für einen Heimplatz gereicht. Ich will ehrlich zu euch sein: Sie hatte +-0 raus, hatte somit keinen Anspruch auf Sozialhilfe und konnte sich gerade so ein kleines Einzelzimmer mit Einbauschrank und Pflegebett in dem Seniorenwohnheim leisten. Hätte sie mit etwa 30 Jahren kein LKW auf der Straße erfasst, hätte sie im Alter nicht gewusst, wie es weitergeht.

Am Montag den 26.08. ist meine Oma mit 85 Jahren an Nierenversagen verstorben und ich möchte meine letzten Erfahrungen mit den Krankenhäusern in Wilhelmshaven und Sande sowie mit dem Seniorenwohnheim heute öffentlich teilen.

Meine Oma war bis zum Schluss eine Kämpferin

Noch nie habe ich einen Menschen mit einer solchen Willensstärke erlebt! Meine Oma war bis zum letzten Tag eine Kämperin! Seit 2011 gehörte sie zu den Stammgästen der umliegenden Krankenhäuser. 2011 startete die gefühlte never ending Story Krankenhaus mit mehreren Wirbelbrüchen im ehemaligen St. Willehad Hospital. Kaum zu Hause eingetroffen, führte sie eine schweren Lungenentzündung nach Sande. Bis dahin hatte ich Tag für Tag und Nacht für Nacht an ihrer Seite verbracht, ihr den Toilettenstuhl geleert und sie nicht aus den Augen gelassen. Dass ich schließlich den Notarzt gerufen hatte, war unser Glück. Nur zwei Tage später lag sie im künstlichen Koma in Sande. Weder die Ärzte, noch ich rechneten damit, dass es ein Happy End geben werde. Daher legten mir die Ärzte die offizielle Betreuung meiner Oma nahe und ich setzte mich mit dem Amtsgericht in Friesland in Verbindung.

2012 hatte ich noch Vertrauen in die Ärzte und Pflege in den Krankenhäusern

Ein Glück! Oma erwachte. Leider hatte sie nun der Norovirus erwischt und sie wurde immer schwächer und schwächer. 2012 war ich jedoch sehr zufrieden mit der Betreuung und Pflege im Sanderbusch Krankenhaus in Sande. Alle kümmerten sich um sie und ich hatte nie das Gefühl, dass sie dort schlecht aufgehoben ist. Der Pflegenotstand war zu dieser Zeit noch kein Thema für uns.

Endlich durfte Oma das Krankenhaus verlassen. Zunächst jedoch nur, um in die Kurzzeitpflege zu gehen. Indessen machten wir unsere ersten Erfahrungen mit dem Pflegenotstand. Meine Oma fühlte sich leider überhaupt nicht wohl. Eher wie eine Nummer. Pfleger_innen sah sie kaum bis sehr, sehr selten. Waren sie bei ihr, waren sie auch schon wieder weg. Ich war fast täglich an Omas Seite und leider kann ich ihre Empfindung nur bestätigen. 

Der Aufenthalt im Heim war ihr schlimmster Alptraum. Nur hatte ich 2012 keine andere Wahl mehr. Ich hatte kurz zuvor monatelang sämtliche Hebel in Bewegung gesetzt, um genau diesen Schritt zu verhindern. Ich hatte ihre neue Wohnung im betreuten Wohnen in Sande gerade erst frisch eingerichtet. Doch es half alles nichts! Plötzlich lautete die Diagnose “Ihre Oma wird bettlägerig.” Dass sie einfach nur einsam und traurig war, da sie wenige Jahre zuvor erst ihren Mann und dann ihr eigenes Kind zu Grabe getragen hatte, stand offensichtlich nicht zur Debatte! Natürlich war sie einsam, traurig und noch dazu ganz plötzlich in einer völlig fremden Stadt. Ich hatte sie aus dem Ruhrpott an die Küste geholt, da ich für sie da sein wollte. Da der Arzt ihr jedoch weder Krankengymnastik (sie hatte kurz zuvor fünf (!!!) Wirbelbrüche) verschreiben wollte, noch mir Hoffnung auf ein Happy End machte, räumte ich ihre frisch bezogene Wohnung und brachte sie im Heim unseres Dorfes unter. 

Im Laufe der darauf folgenden Jahre sammelten wir bis zum Sommer dieses Jahres mehr und mehr Erfahrung mit dem Pflegenotstand. Es folgten schwere Lungenentzündungen, ein Oberschenkelhalsbruch, Norovirus, zahlreiche Stürze aus dem Sessel, Bett und auf dem Weg zur Toilette sowie Ellenbogenbrüche mit anschließendem Fixateur Extern. Und immer und immer wieder rappelte sich meine Oma auf und stand mit ihrem Rollator oder Seniorenmobil auf unserer Auffahrt und vergaß all ihre Beschwerden sobald sie ihre Urenkel im Arm hielt.

Unsere letzte Erfahrung mit dem Pflegenotstand

Je häufiger meine Oma ins Krankenhaus musste, desto frustrierter waren wir beide. Einen Arzt zu erreichen erschien uns als ebenso große Herausforderung wie eine Krankenschwester zu finden, die meine Oma einfach mal waschen konnte. Darüber hinaus streckten sie die Krankenhausaufenthalte im Klinikum gefühlt in eine unendliche Länge. Dies war insbesondere im April bis Mai 2019 der Fall:

Oma war gestürzt und ihr Ellenbogen gebrochen. Obwohl meine Oma eine 85-jährige Bluterin war, entschieden sich ihre behandelnden Ärzte im Klinikum Wilhelmshaven für zwei direkt aufeinander folgende Operationen unter Vollnarkose. Von der ersten OP hatte ich immerhin durch meine Oma erfahren. Schon wieder ein Fixateur Extern. Wenige Jahre zuvor auf der linken Seite und nun ragten die Schrauben aus ihrem rechten Arm. Nur drei Tage später folgte die zweite Operation. Von dieser erfuhr ich jedoch erst als sie schon vorbei war und ich meine Oma im Krankenhaus besuchte. Die Schrauben waren raus. Stattdessen hatte Oma nun eine Platte in ihrem Arm. Es ging ihr den Umständen entsprechend gut.

Darauf hin folgten vier (!!!) Wochen im Krankenhaus. Warum? Gute Frage! Sie litt unter Atemnot. Diese war jedoch nicht neu. Untersuchungen gab es. Hier mal eine, da mal eine. Eine konkrete Erklärung oder Prognose zum Ende ihres Krankenhausaufenthalts konnte uns jedoch keiner geben. Daher konnte weder Oma, noch ich nachvollziehen, weshalb sie so lange im Krankenhaus bleiben musste.

Kurz: Irgendwann kam der Tag, an dem sie den Ärzten ganz direkt und bestimmend mit Nachdruck mitteilte, dass sie noch wahnsinnig werde, wenn sie auch nur einen Tag länger im Klinikum Wilhelmshaven bleiben müsste. Ihre Entlassung erfolgte noch am selben Tag.

Leider war die Freude nicht von langer Dauer. Oma war gerade einmal 6 Tage im Pflegeheim als sie erneut ins Krankenhaus musste. Sie hatte einen Hirnschlag und wurde nach Sande auf die Stroke Unit gebracht. Die Pfleger_innen im Pflegeheim hatten zum Glück sofort richtig reagiert und den Notarzt und mich angerufen, nachdem meiner Oma erste Worte fehlten und sie ihren Arm kurzzeitig nicht mehr spürte. Die Stroke Unit, also die Schlaganfallstation im Sander Busch kann ich übrigens nur wärmstens empfehlen! Hier kümmerten sich alle Krankenschwestern und Pfleger_innen sehr intensiv um meine Oma.

Oma kam wieder auf die Beine und sie durfte zurück ins Seniorenpflegeheim. Ihre Worte blieben jedoch verschwunden. Sie waren definitiv noch alle in ihrem Kopf und lagen ihr auf der Zunge. Nur kriegte sie diese beim besten Willen nicht mehr heraus. Sie wollten weder aus ihrem Mund, noch konnte sich mir diese auf einen Zettel schreiben. Trotz allem fanden wir einen Weg wie wir ihre Sätze gemeinsam beenden konnten.

Der Krankenhaus-Marathon war jedoch noch lange nicht vorbei. Leider. Oma war gerade einmal eine Woche zurück in ihrem Zimmer im Seniorenwohnheim in Wilhelmshaven, da stürzte sie erneut. Der Sturz hatte ein heftiges Hämatom in der Leiste zur Folge. Daher folgte nun ein weiterer Krankenhausaufenthalt und eine weitere Erfahrung mit dem Pflegenotstand im Klinikum Wilhelmshaven:

Im Anschluss an die Röntgenaufnahmen war ich auf dem Weg zum Klinikum Wilhelmshaven. Obwohl das Hämatom in der Leiste meiner Oma nicht zu übersehen war, gab es 24 Stunden nach dem Sturz noch keinen Befund dazu. Kaum hatte ich das Klinikum erreicht, entdeckte ich eine Nachricht auf meiner Mailbox. Eine Krankenschwester hatte mich versucht zu erreichen und mir eine Nachricht auf meiner Mailbox hinterlassen. Meine Oma wurde notverlegt, da sie auf dem Weg zur Toilette kaum noch sprechen konnte und apathisch wirkte. Die Ärzte vermuteten einen weiteren Hinschlag.

Auf der Stroke Unit in Sande zeigte die Bildgebung jedoch nichts dergleichen. Stattdessen vermuteten die Stationsärzte einen Zusammenhang zwischen dem Hämatom und den neuen Symptomen meiner Oma. Nachdem Sanderbusch das Klinikum Wilhelmshaven wiederholt um die Röntgenaufnahmen gebeten und noch immer nichts erhalten hatte, handelten die Ärzte in Sande zum Glück genau richtig und machten eigene Aufnahmen. Das Ergebnis: Meine Oma hatte sehr, sehr viel Blut verloren und es folgte eine Notoperation. Sie musste ausgeschabt werden.

Pflegenotstand im Pflegeheim

Eine Woche später wurde meine Oma sehr schwach und erschöpft liegend ins Seniorenpflegeheim transportiert. Nachdem meine Oma wieder im Seniorenwohnheim angekommen war, endete der diesjährige Krankenhaus-Marathon mit unserer heftigsten und schmerzlichsten Erfahrung mit dem Pflegenotstand. Das Heim hat es tatsächlich geschafft! Es hat meine Oma gebrochen und nach zahlreichen vorangegangenen Krankenhausaufenthalten in den vorangegangenen viereinhalb (!!!) Monaten noch einmal alles getoppt:

Kaum war meine Oma wieder im Heim, hatte die Heimleiterin nichts besseres zu tun als ihr Zimmer und ihre Schränke in ihrem Beisein bei vollem Bewusstsein (sie verstand jedes Wort, konnte sich verbal jedoch nicht mehr wehren) von ihren Pflegern räumen und schrubben zu lassen und ihre Sachen vor ihren Augen in schwarze Säcke in die Garage bringen zu lassen. Sie konnte kaum noch selbstständig essen, da sie sehr schwach war. Kein Wunder nach diesem Krankenhaus-Marathon! Obwohl sie sieben Jahre lang (!!!) ausschließlich in ihrem Zimmer oder in einem kleinen Esszimmer auf ihrer Etage alleine gegessen hatte, sollte sie ab sofort nur noch unten im Speisesaal essen.

Obwohl ich nicht nur ihre Enkeltochter, ihre Betreuerin und überhaupt ihre einzige Angehörige war, wurde ich ein paar Stunden zuvor von einer Pflegerin spontan telefonisch darüber informiert, dass meine Oma gerade so unruhig sei und dass sie ihr Zimmer nun aufräumen und säubern müssten, um sie besser pflegen zu können. 

Meine Oma war eine leidenschaftliche Sammlerin von allem Kram. Für Aufräumen und Saubermachen hätte ich Verständnis gehabt. Auch Brandschutz ist ein wichtiges Thema für ein Pflegeheim. Keine Frage! Nur was bitte erklärt, dass sie ihr gleich DREI Ventilatoren bei knapp 30 Grad Außentemperatur aus dem Zimmer räumten???? Das Ergebnis: Meine Oma kochte und triefte in ihrem Bett in dem kleinen Zimmer, in dem es ohnehin immer sehr warm war und war zwei Tage nach der spontanen Räumaktion ihres Zimmers nicht mehr in der Lage ihren Inhalator richtig herum in den Mund zu stecken. Einen Tag vor der Räumaktion der Pflegeleitung hatten wir noch miteinander gelacht und ich musste lediglich ihre Sätze beenden. 

Nie habe ich einen Menschen mit so viel Kraft und Biss erlebt! Meine Oma war eine gelernte Schneiderin. Sie hatte den Krieg hautnah miterlebt und selbst ein Unfall mit einem LKW in jungen Jahren hatte sie nicht bremsen können. 12 Meter weit wurde sie damals geschleudert und dennoch stand sie immer und immer wieder auf! 

Im Seniorenpflegeheim erhielt sie sich ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit mit Tupperdosen, Greifern, Spazierstöcken, Konserven, Küchengeräten und einem eigenen Kühlschrank auf 10 Quadratmetern um Biegen und Brechen. SIE wollte entscheiden, wann und wo sie isst. Das war vielen Pflegern und der Heimleitung ein Dorn im Auge. Dafür habe ich Verständnis. Sie ließen sich seit 2012 die Butter vom Brot nehmen und ließen meine Oma einfach sie selbst sein. 

Genau dafür war ich der Heimleiterin und dem Team immer sehr dankbar! 

Oma war im Heim, wollte jedoch weder zu den “alten Leuten” nach unten in den großen Speisesaal, noch schlief sie in dem Bett des Heims. Stattdessen annektierte sie sich ein kleines Esszimmer in unmittelbarer Nähe Ihres Einzelzimmers. Dort nahm sie ihre Mahlzeiten ein, trank ihren Kaffee und nähte, nähte und nähte oder strickte und häkelte. Sie setzte ihren Kopf durch und das Heim ließ sie gewähren. Seit 2012. Bis zum Tag vor der Einschulung unseres Sohnes. 

Seit Mai 2012 widersetze sich meine Oma den Vorgaben der Heimleitung und versuchte sich ihr letztes Bisschen Selbstständigkeit um jeden Preis zu erhalten. Daher frage ich mich, warum musste die Heimleitung ausgerechnet JETZT in diesem Gesundheitszustand auf diese menschenverachtende Weise durchgreifen? Und warum konnte sich gerade in diesem Zustand kaum einer um sie kümmern und ihr Trinken bringen und das Essen reichen?

Seit 2012 war ich die Betreuerin meiner Oma und die Räumaktion erfolgte OHNE jegliche Absprache und Vorwarnung. Der erste Anruf kam einen Tag vor Til’s Einschulung. Da hatten die Pfleger_innen mit dem Räumen im Auftrag der Cheffin begonnen. Eine Pflegerin informierte mich telefonisch darüber und bat mich dazu zu kommen, da Oma so unruhig war als es mit dem Räumen losging.

Darüber hinaus war einige Tage lang keiner da, der ihr etwas zu Trinken brachte bzw. ihr frisches Trinken reichte. Mindestens 24 Stunden nachdem ich ihr zuletzt etwas gebracht und eingeschenkt hatte, stand es noch immer an derselben Stelle und die Kohlensäure war raus. Diese Beobachtung machte ich leider mehrfach. Immer dann, wenn ich beim Eintreten fragte, ob sie noch Wasser bräuchte, konnte mir diese Frage keiner beantworten und ich bat die Pfleger darum ihr immer frisches Wasser zu bringen. 

Unsere Jungs sind 4 und 6 Jahre alt, ich arbeitete bis Ende August auf Vollzeit an einem EXIST Projekt an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven und wir haben ein Haus, einen Garten und einen Hund. Mein Mann und ich waren an diesem Tag im Kletterpark in Conneforde und das Ausmaß dieser spontanen “Aufräumaktion” wurde mir leider erst drei Tage später bewusst als ich die Säcke und Taschen lieblos auf ihrem Seniorenscooter gestapelt in der Garage vorfand.

Mit einem Anruf am 16.08.2019 im Anschluss: “Wenn du die Sachen bis…. nicht abholst, muss alles auf den Container.”

Drei Anrufe mit ähnlichem Inhalt folgten. Der Letzte kam am 26.08, an Omas Todestag. Erst jetzt, nachdem ich dem Pfleger mitgeteilt hatte, dass meine Oma gerade verstorben sei, machte er keinen Druck mehr.

Ich hatte bereits drei Tage nach der Adtoc Räumaktion mit dem Aussortieren der Säcke in der Garage begonnen. Nur war es mir nach dem Krankenhausmarathon wichtiger Zeit für meine Oma zu haben. Ihr Trinken zu bringen und sie zu füttern.  

Ich war DREI Tage nicht bei meiner Oma. Da fragte ein Pfleger erneut telefonisch, wann ich die Sachen sortieren und abholen könnte. Erst im dritten Satz erfuhr ich, dass sie nichts mehr getrunken hätte und dass sie nun im Krankenhaus liege: 

Deine Oma verweigert das Essen und Trinken.” 

Am darauf folgenden Montag, drei Tage nach diesem Anruf und der Einweisung ins Klinikum Wilhelmshaven verstarb meine Oma am 26.08.2019 an Nierenversagen. Die Ärzte hatten es noch mit einer Dialyse probiert, doch Oma war einfach zu schwach. Sie wurde mit einem Kaliumwert von 6,5 eingeliefert. 

Zwei Tage zuvor stürzte sie sogar noch aus dem Krankenhausbett und selbst danach versuchte sie sich zurück ins Leben zu kämpfen und trank die ersten drei kleinen Minischlücke nachdem sie unseren Großen vor ihrem Bett gesehen und mit ihm gesprochen hatte. 

Obwohl die Schwestern sie zuvor nur noch apathisch erlebten, riss sie die Augen auf und lächelte ihn an und sagte: 

“Ich hab dich lieb!” und “Ich bin so stolz auf dich!

Das gelang ihr obwohl sie in diesem Moment so schwach war, dass sie kaum ein “Ja” oder “Nein” herausbrachte. Außerdem gelang es ihr den Ärzten, Krankenschwestern, meinem Sohn und mir mehrfach mitzuteilen, dass sie im Seniorenpflegeheim nichts zu trinken bekommen hätte. Sie bat mich darum das zu filmen. Das tat ich.

Dass meine Oma irgendwann sterben müsste, war und ist mir bewusst, aber mit DIESEM Ende hätte ich nie gerechnet und DAS hat sie nicht verdient! Daher teile ich heute meine letzte Erfahrung mit dem Heim. 

Doch nicht nur hiervon bin ich schockiert:

Meine Oma starb am Nachmittag vom 26.08.2019. Lediglich das Krankenhaus, mein Mann und ich wussten von Ihrem Tod. 

Erfahrung und Schock mit dem Bestattungsinstitut November

Am 27.08., nicht einmal 24 Stunden nach Ihrem Tod erhielt ich einen Anruf mit Berliner Vorwahl vom Bestattungsinstitut November. Begonnen mit “Guten Morgen Frau Janßen…. Mein Beileid….. Ich habe von der traurigen Botschaft erfahren….”, beendete ich das Gespräch mit: “Vielen Dank, ich habe schon einen Bestatter.”

Erst nachdem ich aufgelegt hatte, realisierte ich, was da gerade geschehen war. Ich googelte nach dem Institut und seiner Nummer und fand heraus, dass dieses in Berlin sitzt und seine Dienstleistungen standortunabhängig anbietet. 

Nun die Frage: Woher wusste dieses Institut von dem Tod meiner Oma? Woher hatte es meine Telefonnummer? Ich war die einzige Angehörige und zugleich Betreuerin meiner Oma. Der Nachname meiner Oma lautete Böhmer, meiner Janßen. Woher also die schnelle Verbindung/der schnelle Kontakt innerhalb von knapp 17 Stunden nach dem Tod meiner Oma? 

Ich bin mir sehr sicher, dass es viele Menschen gibt, die in solch einem Moment für jede Hilfe dankbar sind. Daher finde ich es umso makaberer, dass das Bestattungsinstitut November aus Berlin exakt an dieser Hilflosigkeit der Angehörigen von Verstorbenen anknüpft, um Profit aus dem Geschäft Tod zu ziehen.

Bevor ich diesen Beitrag beende, möchte ich noch die folgenden Zeilen mit euch teilen: 

“Glaube an Wunder, Liebe und Glück.
Schaue nach vorne und niemals zurück!
Tu, was du tust und stehe dazu,
denn dieses Leben lebst nur Du!

Diese Worte habe ich vergangenes Jahr auf einer Karte von meiner Oma entdeckt. Sie lag einige Jahre lang in einer Schublade. Damals habe ich diese Zeilen lediglich überflogen. Erst letztes Jahr habe ich Oma darauf angesprochen und ihr dafür gedankt. Kurz vor unserer Hochzeit in 2011 habe ich sie zu uns nach Wilhelmshaven geholt. Sie hat ihre Tochter und ihren Mann leider viel zu früh verloren und ich wollte nicht, dass sie in Recklinghausen alleine ist! 

Nie zuvor habe ich einen Menschen erlebt, der so kämpfen konnte! Der Tod meines Opas und meiner Mutter, mehrfache Wirbelbrüche, heftige Lungenentzündungen, ein Oberschenkelhalsbruch, zwei gebrochene Ellenbögen und zahlreiche Stürze im Pflegeheim…

Nicht einmal ein Schlaganfall konnte sie davon abhalten, sich wieder und wieder für uns aufzurappeln. Ich bin unfassbar stolz darauf, dass ich so eine Kämpfernatur als Oma hatte! 

Ihre beiden Urenkel haben ihr alles bedeutet und wir hatten viele – und zugleich viel zu wenige – unvergessliche Momente miteinander. 

Am Montag den 26.08.2019 ist meine Oma mit 85 Jahren verstorben. Ich werde sie nie vergessen und auch ihre Worte lese ich nun mit ganz anderen Augen!